St.-Martins-Kirche

Die St. Martinskirche in Remels

Jeder Reisende, der sich der Ortschaft Remels in der Gemeinde Uplengen – aus welcher Richtung auch immer – nähert, sieht das mittelalterliche Kirchenschiff mit seinem hohen neugotischen Turm schon von weitem. Die Kirche mit ihren alten vernarbten Mauern macht neugierig und lädt jeden einzelnen zum Eintreten und Verweilen ein.

Die Lengener Kirche wurde von der selbständigen mittelalterlichen Landesgemeinde Lengen gebaut, die identisch war mit dem gleichnamigen Großkirchspiel, zu dem die 10 Geestdörfer Remels, Jübberde, Groß- und Kleinsander, Groß- und Kleinoldendorf, Bühren, Selverde, Poghausen und Spols gehörten. Die Lengener bauten ihre Kirche in Remels, dem geographischen Mittelpunkt der Gemeinde. Sie weihten ihre Kirche dem heiligen Martin. Noch heute führt die Kirchengemeinde diesen Heiligen in ihrem Siegel.

Gotteshaus – Schutzraum

Von Anfang an war die St. Martinskirche nicht nur Gotteshaus, sondern auch Wehrkirche mit Verteidigungscharakter. Sie bot den Bewohnern Schutz bei aufziehender Gefahr, die über Jahrhunderte hindurch permanent von den plündernden Einfällen der Oldenburger Grafen ausging. Neben der wehrhaften Kirche war die Festungsanlage ausgestattet mit Wehrturm, freistehendem Glockenturm, Kirchhof, umgebender Mauer mit Graben und Tortürmen.

Von der stattlichen Wehranlage haben nur ein Torturm und das Kirchenschiff in seinem Kern die Jahrhunderte unbeschadet überstanden.

Das Lengener Boommaat

Die Kirche war für die mittelalterliche Landesgemeinde auch Ort der Rechtsprechung. Davon kündet noch heute das Lengener Boommaat, ein fast quadratischer Granitquaderstein, der vor dem Neubau des Turmes in die Westmauer der Kirche fest eingefügt war. Jetzt ist er an der Westmauer des Turmes zu sehen. Die Diagonale des Steins beträgt 215 cm. Diese Länge war die Maßeinheit für die Anzahl Matt, die jeder Platzbesitzer entsprechend der Größe seines Besitzes in den Meeden an der Hollener und Holtlander Ehe mähen durfte. Diese Meeden waren Gemeindeeigentum und wurden jährlich neu ausgebakt, um zu verhindern, dass die Anteilseigner stets an der gleichen Stelle mähten. Bei Streitigkeiten um die Größe des zugewiesenen Stückes Meedland galt das Boommaat an der Kirche.

Der Name deutet auf den „Seißbaum“ und auf den Gebrauch des Maßes hin.

Frühes christliches Leben

Der Besucher betritt das Gotteshaus durch das schöne Turmportal. Vor diesem Portal liegt eine rote Sandsteinplatte, der Rest eines mittelalterlichen Sarkophagdeckels, importiert aus dem Solling. Archäologen datieren solche Fundstücke aus rotem Sandstein in das 11. Jahrhundert. Sie deuten auf eine frühe Holzkirche hin, die aber in Remels bisher nicht nachgewiesen werden konnte. In jüngster Zeit steht neben dem Eingangsportal der aus dem Heimatmuseum in Leer heimgeholtem Sandsteinsarkophag. Er wurde bei Umgussarbeiten für eine Glocke zufällig ausgegraben und zunächst nach Leer gebracht. Dieser seltene, kostbare Sarkophag gehört nicht zu dem oben erwähnten Sarkophagdeckel, aber er ist ein weiteres Indiz für sehr frühes christliches Leben in Lengen. In jener Zeit setzte sich die Vorstellung durch, den Leib für die Auferstehung am jüngsten Tag zu erhalten.

Beide Funde – Sarkophag und Sarkophagdeckel- weisen auf eine begüterte Schicht hin, die sich solche üppigen Bestattungsriten leisten konnte; denn diese Sandsteinprodukte mussten den langen, gefahrvollen Transportweg über das Flusssystem des Rheins und die Küstengewässer an ihren Bestimmungsort erst einmal heil überstehen.

Nicht auf dem Kirchhof, aber ganz in der Nähe der Kirche wurde im Dezember 2007 auf einem Ausgrabungsfeld ein Fund von überregionaler Bedeutung gemacht: eine kleine Heiligenfibel. Das ist eine Gewandspange mit der Darstellung eines Heiligen mit Heiligenschein. Erst Ende des 8. Jahrhunderts setzte die Missionierung mit nachhaltigeren Erfolgen in den friesischen Gebieten ein, so dass diese winzigkleine Scheibe uns zeigt, dass schon in den Anfangszeiten in Lengen Menschen wohnten, die fest an Christus glaubten.

Baugeschichte

An den Mauern des Kirchenschiffes sind zwei Bauphasen deutlich ablesbar: die südliche und auch die nördliche Langwand zeigen eine kräftige Baunaht.

An dieser Stelle endete die erste steinerne Kirche aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Alle noch vorhandenen Spuren deuten daraufhin, dass dieser Bau so aussah wie die heute noch vorhandenen Granitquaderkirchen des östlichen Teils der ostfriesischen Halbinsel: rechteckiger Saal mit halbrunder Apsis. Den Ansatz des eingezogenen Apsisbogens kann man im Innern noch gut erkennen. Das Schiff besaß wahrscheinlich an seinen Langseiten je ein Portal und im oberen Drittel vier kleine rundbogige Fenster. Der Saal hatte eine Flachdecke, die Apsis eine Kuppel. Die Westseite war glattgeschlossen.

Etwa 100 Jahre spä¤ter, im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts, erfolgte ein grundlegender Umbau der Kirche: Aus dem romanischen Apsissaal wurde ein Rechteckeinraum im romano-gotischen Stil. Im Zuge dieser erstaunlichen Baumaßnahme brach man das Gebäude im Westen ab und verlängerte es im Osten mit dem Abbruchmaterial (Granitquader) und nunmehr ergänzend mit Backsteinen. Das westliche Joch des zweiten Bauabschnittes war das Ostende der ersten Kirche. Der Ostgiebel erhielt eine Dreifenstergruppe, die Seitenschiffwände je 4 Fenster. Alle Fenster wurden spitzbogig ausgeführt.

Der Turm

Ende des 19. Jahrhunderts beschloss der Kirchenvorstand den Bau eines neuen Kirchturmes, der dann schließlich nach langen Vorplanungen 1897/98 gebaut wurde und nun allen Uplengen-Besuchern den Weg zur St.Martinskiche zeigt. Dieser Turm wurde in dem in jener Zeit beliebten neugotischen Architekturstil hochgezogen. Er weist die stattliche Höhe von 53,50 m auf. An dieser Stelle hatte der neue Turm nachweislich zwei mittelalterliche Vorgänger, die jedoch keine Glocken trugen, sondern echte Wehrtürme waren. Der eigentliche Glockenstuhl mit einem Zweiergeläut befand sich in der südwestlichen Ecke des Kirchhofes. Er war baufällig geworden.

Der neue Turm wurde als Glockenturm an die Westseite der Kirche angebaut. Nach seiner Fertigstellung wurde das Zweiergeläut zu einem Dreiergeläut vervollständigt. Aber im ersten Weltkrieg wurden zwei Glocken enteignet, auch noch einmal im zweiten Weltkrieg. Eine Glocke durfte die Gemeinde behalten. Sie entschied sich in beiden Fällen für die Älteste. Fachkundige datieren diese ehrwürdige Glocke in das 13. Jahrhundert. Sie trägt keine Inschrift, aber ein Zeichen: M mit eingeschriebenem A, darüber ein Kreuz. Dieses Symbol deutet auf Maria hin, die Gottesmutter, die den Heiland der Welt trägt.

Erst seit 1953 lä¤uten wieder drei Glocken vom Turm, abgestimmt auf den h-moll-Dreiklang, zur Freude und zum Trost für die Gemeinde. Die größte dieser drei Glocken läutet jeden Sonnabend um 21 Uhr zum Gedenken der Opfer beider Weltkriege. Sie trägt die Inschrift: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Hebr. 13, 8 Zum bleibenden Gedenken an unsere Gefallenen und Vermissten 1914-1918 und 1939-1945 Die dankbare Evgl.-luth. Kirchengemeinde Uplengen (Remels) 1953.

Das Innere

Die beeindruckendste, einschneidendste Maßnahme des mittelalterlichen Umbaus war die überkuppelung des Raumes in vier Jochen mit Domikalgewölben, die alle noch erhalten sind.
Diese hoch aufragenden, kunstvollen Kuppeln tragen wesentlich zu dem feierlichen Eindruck bei, den der Besucher beim Betreten des Gotteshauses gewinnt.

Die Umwandlung der massiven, schweren romanischen “Kirchenburg”  in eine lichte Kirche mit “Himmelszelten” über den Rä¤umen ist gelungen. Auch heute noch wird der Blick des erwartungsvoll Eintretenden nach oben in die Kuppeln, die das himmlische Jerusalem symbolisieren, gelenkt. Gleichzeitig aber auch auf den Altar im Osten. Von dort erwarten die Christen seit jeher die Wiederkunft des Herrn.

Der Altar

Viel Zeit sollte sich der Besucher unserer Kirche beim Betrachten dieses Flügelaltars nehmen. Er wurde von Tönjes Mahler in seiner Werkstatt in Leer gefertigt und 1667 in Remels aufgestellt. Eindringlich zeigt er wichtige Ereignisse aus dem Leben Jesu. Auf den Flügeln des geöffneten Retabels werden die Ankündigung der Geburt durch den Erzengel Gabriel, das Weihnachtsgeschehen in Bethlehem, die Beschneidung Jesu im Tempel und die Anbetung der 3 Weisen dargestellt. Im Blickpunkt des Mittelfeldes aber steht das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern vor seinem Opfertod einnahm. Das geschlachtete, zubereitete Lamm im Schnittpunkt der Bilddiagonalen weist alle Christen daraufhin, dass Christi Opfertod für alle Zukunft alle blutigen Tieropfer überflüssig gemacht hat; denn Jesus selbst ist das Lamm, das für uns geopfert wird.

Von Karfreitag bis Ostern wird der Flügelaltar geschlossen, und der Besucher sieht die Bilder der Rückseite vom Leiden und Sterben des Herrn.

Auf der Predella werden die 4 Evangelisten mit ihren Attributen gezeigt: Matthäus mit dem Engel, Markus mit dem Löwen, Lukas mit dem Stier und Johannes mit dem Adler.

Die 4 Evangelisten tauchen ein zweites Mal auf den 4 Kanzelfeldern auf.

Der Taufstein

Er ist der einzige Einrichtungsgegenstand, der aus dem Mittelalter erhalten geblieben ist. Wandernde Steinmetze fertigten ihn wahrscheinlich vor oder nach 1270 im Auftrag der Kirchengemeinde an. Der Taufstein entstand an Ort und Stelle und ist von hoher handwerklicher und künstlerischer Qualität. Ein breiter Fries von Akanthusranken, eingerahmt von zwei Seilbändern, schmückt die Kuppa, die getragen wird von vier menschlichen Gestalten.

Dem aufmerksamen Besucher der St.Martinskirche bleibt noch vieles andere zu entdecken, seien es z.B. die alte schöne Kanzel, die kostbaren Kronleuchter oder die Mittelalterlichen Decken- und Wandmalereien im Chorjoch. Im Gottesdienst kann er sich über den Klang der Glocken und über die Töne, die unser Organist der denkmalsgeschützten Orgel entlockt, freuen.

Text: Frauke Schweers, Remels